Mittwoch, 16. Dezember 2009 15:07
Sie verließ mich im November. Der Sonntag darauf war der erste Advent. Einsam saß ich am Küchentisch, zündete ein Lichtlein an und dachte: Das war´s dann wohl! Die schönste, heimeligste Zeit im Jahr, die Zeit der Familie, in der sich alle auf Weihnachten freuen, Geschenke kaufen und sich bastelnd und backend auf das Fest der Freude vorbereiten – und ich sah in die Röhre. Mit den übrigen drei Kerzen, die ich in den folgenden Wochen auf meinem Adventskranz anzündete, wurde es nicht wirklich heller in mir. Hinter jeder Tür, die ich in meiner Wohnung öffnete, wartete statt einer Überraschung bloß eine schmerzhafte Erinnerung. Nein, sie würde nicht mehr kommen, ließ mir mit mitteilen, mochte ich auch noch so viele Wege ebnen, ganze Berge abtragen und Täler auffüllen
Damals fand ich einen Text des Theologen und Schriftstellers Georg Schwikart, den er jetzt in seinem kleinen Lyrik-Band mit dem Titel „Überleben“ publiziert hat. Darin fingiert er ein Gespräch mit Gott: „Gott, ja. Natürlich. Ich glaube an dich. Doch, eigentlich schon“, beginnt er. Dann beklagte er seine oft empfundene Unentschlossenheit und sagt Gott auf den Kopf zu, dass er für ihn in seinem stinknormalen Leben, „zwischen Schluckimpfung und Rasenmähen“ sozusagen, eine „Nullstelle“ sei. „Gott, ja. Natürlich“, schließt das Gebet. „Wahrscheinlich vermisse ich dich kaum, weil meine Fantasie nicht ausreicht, mir vorzustellen, was aus uns beiden hätte werden können.“ Auch eine Beziehung, die gescheitert ist, dachte ich damals bei mir, weil einer zu fantasielos war. Um sich eine Zukunft mit dem anderen auszumalen. Sie kam nicht zurück. Die Schritte des Freudenboten bleiben aus. Die Wächter auf der Zinne schwiegen. Ein Advent, an dessen Ende keine Ankunft stand. Keine zweite Chance. Aus den Augen, aber lange nicht aus dem Sinn. Alle Jahre wieder denke ich im Advent auch an diesen zurück, schlage mein Herz in ein violettes Tuch und versuche, mich aufzurichten und mein Haupt zu erheben.
Gott, so sagen es die alten Schriften, macht sich jedes Jahr von Neuem zu uns auf den Weg. Das unterscheidet ihn von den meisten Menschen. Vielleicht habe auch ich ihn zu lange für die Nullstelle in meinem Leben gehalten. Jetzt aber, wenn er anklopft, werde ich ihm öffnen. Ich bin neugierig, was aus uns beiden werden kann
